Schweden 2019 // Tag 2: Wenn der (lila) Flieder wieder blüht

Die erste Nacht auf dem Campingplatz geht schnell vorbei. Das trotz Jalousien hereinfallende Licht kitzelt uns wach und läutet den Tag ein. Nach einem kleinen Frühstück kappen wir die Stromversorgung und verstauen alle Habseligkeiten sicher für die Fahrt. Nichts macht einen während der Fahrt unruhiger als sich plötzlich öffnende Schranktüren oder herumkullernde Wasserflaschen.

Boote, soweit das Auge reicht

Unsere heutige Tour führt uns über die Route 56 nach Västerås. Das Städtchen ist 110.000 Einwohner groß und Sitz der Regionalregierung.[1] Außerdem gründet der schwedische Unternehmer Erling Persson 1947 hier die Modekette H&M.[1] Wir möchten etwas Verweilen, die Natur genießen und steuern den Hafen an. Auf der Suche nach einem Parkplatz ist Geduld gefragt. Auf einem keine zwei Meter breiten Weg kommt uns ein großes „fahrendes“ Boot entgegen. Wir suchen uns schnellstmöglich zwischen den am Rand abgestellten Booten eine Lücke, manövrieren unser Wohnmobil hinein und warten. Warten, bis das Gefährt mit dem fast sechs Meter hohen Mast an uns vorbeigetuckert ist. Eins ist uns nun gewiss: So ein Boot ins Wasser zu lassen, erfordert viel Feingefühl. Fast soviel, wie aus unserer temporären Parklücke zurück auf die Straße zu finden.

Bei Västermalm finden wir schließlich einen geeigneten Parkplatz – wenn auch nicht ganz billig. Für 40 Minuten zahlen wir 2,60 Kronen. Wir schlendern durch den Lögarängsparken sowie am sich anschließenden Lögastrand entlang, gelangen zum Hafen Mälaren und bestaunen die zahlreichen, hochwertigen Boote. Linker Hand liegt der Västerås cable park. Dort lässt sich das Talent zum Wasserskifahren auf die Probe stellen – oder im Rahmen von Trainingskursen perfektionieren. Begleitet werden wir stets von neugierigen Spatzen, watschelnden Enten oder kreischenden Möwen.

Die Sonne versteckt sich weiterhin hinter dicken Wolken, aber Regen ist nach wie vor nicht in Sicht. Somit begeben wir uns über die Route E18 nach Örebro. In Städten allgemein ist es schwierig, einen geeigneten Parkplatz zu finden. Insbesondere die Haltebuchten an Straßenrändern sind für ein Wohnmobil unbenutzbar. Nach einigen Runden finden wir jedoch unweit der Centralstation etwas Geeignetes (Aimo Park, Parkplatz, Kv. Vilan, Ribbingsgatan 6, 703 63 Örebro). Von dort geht es zu Fuß weiter.

Eine geschichtsträchtige Stadt

Die Stadt Örebro diente ihrem Namen nach als eine Art Brücken- und Hafenstadt für den Eisenhandel, wobei ihre Verbindung über den See Vänern sowie über den Götakanal mit Göteborg sicherlich dazu beitrug.[2] Als die Stadt 1854 niederbrannte und aus Stein wieder aufgebaut wurde, entwickelte sie sich im 19. Jahrhundert zum Knotenpunkt der schwedischen Schuhindustrie.[3]

Im Stadtzentrum von Örebro steht das Örebro Slott. Das quadratische, mit vier runden Ecktürmen gebaute Schloss thront, vom Fluss Svartån umspült, wie auf einer kleinen Insel. Es geht auf das 13. Jahrhundert zurück[4] und diente im Mittelalter der Verteidigung.[2] Die folgenden Jahre wurde das Schloss immer wieder umgebaut, belagert oder für die verschiedensten politischen Treffen genutzt. Führungen durch das Örebro Slott geben einen Einblick in die Geschichte und Hintergründe (Eintritt: 60 SEK – Web).[3]

Der Hunger zieht uns auf der Suche nach einem Mittagessen weiter in die Stadt und zur Fußgängerzone rund um den zentralen Platz Stortorget. Wir laufen entgegengesetzt zur Kirche Nikolaikyrkan in Richtung Oskarsparken. Als wir auf der linken Seite den Burgerladen „Lily’s Burger“ (Stortorget 7, Örebro – Web) passieren, überlegen wir nicht lange. Wir nehmen an einem der im amerikanischen Stil dekorierten Tische Platz, sind begeistert von der „American Diner“-Atmosphäre und genießen unseren Burger bzw. die Bacon Cheese Fries.

Es duftet so gut…

Gesättigt und gut gelaunt flanieren wir weiter zum Stadtpark Oskarsparken. Dabei kreuzen viele weitere Restaurants mit Außenbereich unseren Weg. Wir bemerken: Im Gegensatz zu uns nehmen die Schweden ihre Mahlzeiten gerne im Freien zu sich – auch wenn es gerade mal kühle 18 Grad hat. Der Oskarsparken ist nicht besonders groß oder einzigartig. Eigentlich ist er ein normaler, kleiner, grüner Fleck inmitten der Betonwelt. Aber die duftenden Fliederbäume an jeder Ecke haben es uns angetan. Sie ziehen unsere Nasen immer wieder schnuppernd zu sich.

Am späten Nachmittag wird es Zeit. Wir machen uns auf den Rückweg zu Leo und beginnen mit der Suche nach einem Übernachtungsplatz. Zunächst folgen wir der Straße Karlslundsgatan und biegen bei Tysslinge Richtung Norden nach Svalnässtugan ab – vorbei an grasenden Kühen, blühenden Feldern und einsamen Straßenabschnitten. Zwischendurch haben wir das Gefühl auf einer Achterbahn zu fahren, solche Wellenbewegungen vollführt die Straße. Als wir bereits die Befürchtung haben, keinen Stellplatz zu finden, nutzen wir den kleinen Parkplatz bei Svalnässtugan. Dank des Jedermannrechts hoffen wir darauf, nichts Falsch zu machen und dort auch über Nacht stehen bleiben zu dürfen.


Unser Fazit: Auf den meisten Parkplätzen befinden sich keine Parkscheinautomaten. Stattdessen sind ein oder mehrere Schilder mit einer Nummer zu sehen. Wie uns noch an vielen anderen Stellen bewusst wird, sind die Schweden uns Deutschen in medialer Nutzung und bargeldlosem Bezahlen weit voraus. So wie es für bargeldloses Bezahlen die App „swish“ gibt, gibt es auch für das Bezahlen des Parkscheintickets verschiedene Apps wie „Easy Park“ und „SMS Park“. Einfach Parkplatz auswählen, Parkzeit eingeben und z. B. per hinterlegter Kreditkarte bezahlen.

Nirgendwo sonst soll das Leben mit der Natur so unbeschwert und einfach sein, wie in Schweden. Dank des sogenannten Jedermannsrechts. Es besagt unter anderem, dass…
…man fast überall in der Natur laufen, Rad fahren und reiten darf. Auch auf Privatwegen.
…man eine Nacht lang zelten darf.
…man baden, Boot fahren und mit dem Boot anlegen darf.
…man Blumen pflücken sowie Beeren und Pilze sammeln darf (sofern sie nicht geschützt sind).
…man ein kleines Feuer entfachen darf. Am besten bei dafür vorgesehenen Feuerstellen. Das ggf. ausgerufene Feuerverbot im Sommer ist zu beachten.
…man jedoch bei allem immer einen respektvollen Abstand zu Wohngebäuden einzuhalten hat.

Quellenangaben:
[1] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 405
[2] Schweden, Reisebuchverlag Iwanowski GmbH, 2016, 13. Auflage, ISBN 978-3-86197-153-5, Seite 354
[3] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 430
[4] Schweden, Nelles Verlag GmbH, 2017, 8. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 128

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