Schweden ist für Vieles bekannt. Für seine Seen, Flüsse, falunroten Häuser, großen Wälder…. Und natürlich für Elche. Aus unserer Sicht ist es einfach ein Muss, das schwedische Nationaltier einmal live gesehen zu haben. Also ist unser heutiges Tagesziel schnell gesteckt. Vom Havadal Camping fahren wir zurück auf die E20, vorbei an grünen Feldern und rotierenden Windenergieanlagen. Bei Andersberg biegen wir ab auf die Straße 15, die uns geradewegs nach Markaryd führt. An einem der Kreisverkehre nehmen wir allerdings nicht die Ausfahrt zur Stadt, sondern zum Elchpark „Smålandet“.[1]
Die Vorfreude ist groß, dort Elche aus nächster Nähe zu sehen – zumindest verspricht das die Website. Den Park kann man entweder mit dem eigenen PKW oder in kleinen Bahnen befahren. Abgesehen davon, dass wir nicht mit einem normalen PKW unterwegs sind, sondern mit einem Wohnmobil, fällt unsere Entscheidung auf die Bahn (Eintritt, inkl. Bahnfahrt: 170 SEK p.P.). Zum einen ist es entspannter und zum anderen erfahren wir so über die Lautsprecher noch das ein oder andere Detail zu den Tieren.


Wie im Streichelzoo…
Wir stellen „Leo“ also auf dem großen Parkplatz ab, und haben mal wieder Glück: Wir ergattern noch die letzten zwei Tickets für die nächste Fahrt, die in nur fünf Minuten startet. Kaum sitzen wir in der Bahn, kriegen wir verdutzt dreinblickend noch schnell einen kleinen Zweig in die Hand gedrückt und tuckern auch schon los. Die Bahn schlängelt sich durch ein waldähnliches Gelände mit einem etwa drei Kilometer langen Pfad. Irgendwann stoppt die Bahn und wir erfahren sofort, wozu der Zweig in unserer Hand dient: In dem Wissen von den Besuchern leckeres Grünfutter zu bekommen, näheren sich uns insbesondere die Elchkühe binnen kurzer Zeit. Sie strecken furchtlos ihre großen Köpfe zu den mit Zweigen winkenden Insassen in die Bahn und knabbern genüsslich die grünen Blätter ab.
Die Elche sind sehr ruhige Tiere, die sich im Park bereits an Menschen gewöhnt haben. Somit bleibt beim Füttern ausreichend Zeit, um die außergewöhnlichen Tiere genau zu betrachten – und sogar zu streicheln. In dem 13 Hektar großen Park finden sich Elche jeden Alters. Es ist aufregend, während der gesamten Fahrt Ausschau nach ihnen zu halten und sie gut getarnt im Dickicht zu entdecken. Selbstverständlich verzücken uns vor allem die Kleinen, die mit ihrer Mama kuscheln oder gerade durch die Bäche waten.



Neben Elchen beherbergt der Park im hinteren und abgetrennten Bereich Amerikanische Bisons. Diese können ebenso aus der Bahn und somit in sicherer Entfernung beobachtet und gefüttert werden. Aber es gilt auf jeden Fall besondere Vorsicht. Mit ihren gebogenen Hörnern und großen Hufen sehen sie nicht nur gefährlich aus, sondern können es auch sein.


Zurück in ein anderes Zeitalter
Nach etwa einer Stunde kommen wir zum Ausgangspunkt der Fahrt zurück. Nachdem unser Guide von der sagenumwobenen Elchwurst (Älgkorv) geschwärmt hat, beschließen wir diese im kleinen Restaurant gegenüber zu probieren. Wir geben unsere Bestellung auf und nehmen an einem der Tische im Speisebereich Platz. Dabei reisen wir unerwartet mit einer Zeitmaschine und betreten ein anderes Zeitalter: Blümchentapete, in Goldrahmen eingefasste Portraits von Herzögen und Gräfinnen, grün gestrichene, gepolsterte Holzstühle, bis zur Wandmitte reichende, pastellfarbene Wandvertäfelungen und Gardinen wie von Oma, die die kleinen Sprossenfenster und die künstliche Pelargonie umrahmen. Wir sind total fasziniert. Selbst beim Essen können wir den Blick nicht vom Interieur abwenden. Und nur der Gedanke „Wir essen gerade eine Elchwurst!“ lässt uns kurz innehalten und auf unsere Geschmacksknospen konzentrieren: Die Wurst sieht umschlossen von einem weißen langen Baguettebrötchen der deutschen Bockwurst zum Verwechseln ähnlich. Ihr Geschmack erinnert aber eher an unsere Rinderwurst. Insgesamt tatsächlich sehr lecker und empfehlenswert!
Gestärkt machen wir noch einen kleinen Abstecher in den Souvenirshop und fahren dann weiter ins ca. 40 Kilometer nordöstlich entfernt liegende Älmhult. Wir erreichen die 9.000 Einwohner große Stadt in knapp 40 Minuten über die Straßen 15 und 120. Bereits der überdimensionale Stuhl „Stolen“ am Ortseingang lässt verlauten, dass Älmhult keine normale Kleinstadt ist. Er ist der unübersehbare Hinweis auf die Geburtsstadt von IKEA und das weltweit einzige IKEA Museum (Eintritt: 60 SEK p.P.).
Kurz vor der Zufahrt zum Museumsparkplatz fahren wir in einen Kreisel und trauen unseren Augen nicht. In der Mitte des Kreisverkehrs stehen neun Stangen, an denen insgesamt 50 verschiedene Verkehrsschilder befestigt sind. Wie wir im Nachgang herausfinden, sind sie Teil eines Kunstprojekts von David Svensson. Sie wurden 2016 unter dem Titel „Världens hem“ eingeweiht und symbolisieren entsprechend der Übersetzung, das hiesige Zusammentreffen von Menschen aus der ganzen Welt.[2],[3]
Lebe deine Träume
Schließlich sehen wir am Gebäude vor uns in großen schwarzen Buchstaben „IKEA museum“ prangen und sind uns sicher, hier sind wir richtig. Wir gönnen uns ein paar Minuten in der Sonne und lassen uns auf den vor dem Eingang platzierten Klippan-Sofas nieder. Nicht so weich, wie das Original, dafür aber in Beton gegossen und somit wetterfest. Das Museum war ursprünglich das erste von Ingvar Kamprad im Jahr 1958 eröffnete schwedische Möbelhaus. Da es zur damaligen Zeit nicht einmal einen Supermarkt in Schweden gab, wurde seine Geschäftsidee zunächst belächelt.[4] Aber dank seiner Vision revolutionierte er die Möbelbranche und schuf aus einem einzigen Warenhaus den Weltkonzern IKEA. Wer es nicht weiß: Dabei steht „IK“ für die Initialen von Ingvar Kamprads Namen, „E“ für Elmtaryd, den Namen des elterlichen Bauernhofes, und „A“ für den Anfangsbuchstaben seines Heimatdorfes Agunnaryd in der Gemeinde Ljungby.[5]
Das Museum erstreckt sich über mehrere Etagen, die sich unterschiedlichen Themenschwerpunkten widmen. Wir arbeiten uns von unten nach oben und schreiten als erstes durch einen Gang mit Pressspanplatten. Wie von einem Sog wird man als Besucher in die IKEA-Welt eingesaugt. Plötzlich ist man umgeben von unzähligen IKEA-Kleinmöbeln, die jeder schon mal selbst im eigenen IKEA-Kaufhaus gesehen, wenn nicht sogar gekauft hat. Vom Hocker BEKVÄM und Zeitungsständer SPONTAN über das Küchensieb ORDNING bis hin zum Muffinblech HEMMABAK und den Bügeln BUMERANG.
Doch das war nur der Anfang. Im Laufe unseres Besuches sitzen wir am Originalschreibtisch von Ingvar Kamprad und finden uns auf dem aktuellen Cover des IKEA-Katalogs wieder. Wir sind gefesselt von der Geschichte und den Hintergründen des Erfolgs, erfahren, wie IKEA die Welt erobert hat, was es auszeichnet und wofür es heute steht. Interaktive Ausstellungsflächen und hergerichtete Kulissen versetzen uns in die jeweiligen Jahrzehnte und zeigen, wie sich IKEA gewandelt, an Mode sowie Trends orientiert und trotzdem immer seinen Wiedererkennungswert behalten hat.



Strand-Panorama
Zum Abschluss kehren wir noch im kleinen IKEA Restaurant ein. Denn ein IKEA-Besuch ohne Köttbullar ist für uns unvorstellbar. Vollgepackt mit Hunderten von neuen Eindrücken schauen wir uns nach einem Übernachtungsplatz um. Uns zieht es zum Strand, genauer gesagt zum Möckelns badplats (Solviksvägen 2, 343 37 Älmhult). Leider müssen wir hier abermals die Erfahrung machen, dass das Campen und Übernachten an dieser Stelle untersagt ist. Wir beschließen daher lediglich zu parken, den Blick auf den im Sonnenlicht glitzernden See zu richten und zu Abend zu essen. Ein unbeschreiblich schönes Panorama.

Der Sonnenuntergang rückt näher und damit auch die Frage, wo wir uns zum Übernachten hinstellen. Wir fahren ein paar Meter zurück Richtung Museum und biegen auf eine Seitenstraße zum Fußballplatz Älmhults IF ab. Der Schotter-Parkplatz davor scheint uns passabel und ausreichend (Idrottsgatan 1, 343 36 Älmhult).
Unser Fazit: Elche sind aus unserer Sicht sehr besondere Tiere. Und wenn man die Chance hat, sollte man sie lieber in einem extra dafür angelegten Park ansehen und erleben, anstatt auf der Motorhaube. Etwa 40 Menschen sterben pro Jahr in Schweden bei einem Wildunfall.[6] Daher ist immer besondere Vorsicht, insbesondere bei Fahrten im Dämmerlicht und in der Nacht geboten. In jedem Fall müssen alle Unfälle der Polizei gemeldet werden. Wer das nicht tut, begeht eine Straftat.[6]
Der Elchpark in Markaryd ist eine Attraktion für Groß und Klein. Die Minibahn, die durch den Park fährt, ist eine schöne Gelegenheit, sich ganz auf die Elche und die Natur zu konzentrieren. Vor allem lässt der Fahrer jedem Insassen wirklich ausgiebig Zeit, die Tiere zu füttern und zu berühren. Vor einem Besuch sollte man jedoch im Internet die Abfahrtszeiten recherchieren, da sich diese fast monatlich ändern. Der aus dem 18. Jahrhundert stammende dazugehörige Hof[7] lädt anschließend dazu ein, noch ein bisschen im Café, Restaurant oder Souvenirshop zu verweilen.
IKEA ist laut der Gemeindeverwaltung das wichtigste touristischste Ziel von Älmhult. Das dortige Museum hat jede Menge zu bieten und lohnt für einen Ausflug, auch wenn Älmhult eigentlich mitten im Nirgendwo liegt. Falls der IKEA-Einkauf widererwartend länger ausfällt als geplant, kann man sich im gegenüber vom Museum gelegenen IKEA-Hotel einquartieren.
Quellenangaben:
[1] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 311
[2] https://www.almhult.se/almhulthomeofthehome/projekt.1421.html (letzter Abruf: 26.07.2020)
[3] https://www.almhult.se/upplevagora/kulturochsevardheter.467.html (letzter Abruf: 26.07.2020)
[4] Schweden, Lonely Planet Global Limited, MAIRDUMONT, 2018, 5. Auflage, ISBN 978-3-8297-4598-7, Seite 231
[5] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 207f.
[6] Schweden, Lonely Planet Global Limited, MAIRDUMONT, 2018, 5. Auflage, ISBN 978-3-8297-4598-7, Seite 387f.
[7] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 311