Schweden 2019 // Tag 10: Ein sumpfiges Vergnügen

Von Älmhult begeben wir uns auf einsamen Straßen zum Nationalpark Store Mosse („Großes Moor“).[1] Die Sonne vertreibt gerade die Regenwolken und lädt zum Wandern ein. Doch bevor wir starten, zieht es uns ins Naturum, das Infozentrum des Parks und sozusagen die erste Anlaufstelle für Ortsunkundige wie uns. Dort bekommen wir alles, was wir benötigen: Hintergründe zum Park, Broschüren und Hinweise, welche Trails sich für einen Kurzausflug eignen.

Auf Tuchfühlung mit Bär & Co.

Aber das Naturum in Store Mosse hat noch mehr zu bieten. Mit Filzpantoffeln an den Füßen gleiten wir über den Holzboden und fühlen uns wie in einem kleinen Museum. An den Wänden ist die Entstehungsgeschichte des Nationalparks veranschaulicht, und weiter hinten im Raum sind verschiedene Tierspuren in den Boden eingelassen. Um einmal einem Raubtier ganz nahe zu kommen, steigt man die gegenüberliegende Holzleiter hinauf und blickt dem (ausgestopften) Braunbären „Granis“ direkt in die Augen. Der arme Kerl war im Jahr 2000 Hunderte Kilometer vom Granfjäll in Dalarna bis nach Småland gewandert und wurde schließlich erschossen, als er – ähnlich unseres Bären Bruno in Bayern – Schafe gerissen und viel Schaden angerichtet hatte.

Wer noch ein bisschen Zeit übrig hat, kann sich außerdem an den Bücherregalen bedienen, einen Kaffee trinken oder sich vor das Panoramafenster setzen und den Blick in die Ferne schweifen lassen. Durch Ferngläser lassen sich Kraniche, Schwäne und andere Vogelarten in der Moor- und Seenlandschaft entdecken.

Bis zum Horizont

Nun wollen wir aber selbst Teil der wunderbaren Natur werden und Schwedens größtes zusammenhängendes Moorgebiet südlich von Lappland erkunden.[2] Der 7.000 Hektar große und seit 1971 unter Naturschutz stehende Nationalpark bietet insgesamt 40 Kilometer Wanderweg.[2],[3] Das ist natürlich unmöglich an einem Tag zu schaffen, daher entscheiden wir uns für den Trail „Kävsjön runt“, wohl aber in dem Wissen, dass wir die fast 15 Kilometer nicht vollständig schaffen werden.

Zunächst geht es für uns auf schmalen, befestigten Wegen in das Dünengebiet von Store Mosse, das mittlerweile von Kiefern sowie Heidel- und Preiselbeersträuchern bewachsen ist. Aus dem Wald heraus sehen wir rechter Hand eine Aussichtsplattform. Es ist der Vogelturm bei Svänö. Eine Holzleiter führt uns nach oben und gibt, wie bereits das Naturum, den Blick auf die wunderschöne, bis zum Horizont reichende, unberührte Natur frei.

Mit festem Schritt über das Moor

Wir folgen der Rundtour weiter und kommen dem Moor immer näher. Bis uns unser Weg über Holzplanken führt, die uns unweigerlich an den Sportunterricht erinnern. Langsam einen Fuß vor den anderen setzen und dabei das Gleichgewicht nicht verlieren – wie bei den Turnübungen auf dem Schwebebalken. Wir wandern über kleine Brücken und an moosbewachsenen Grünflächen sowie sumpfigen Tümpeln vorbei.

Bis uns ein Schild auf den Weg nach Svartgölen hinweist: Wir sehen einen knapp zwei Meter breiten Steg (auch gut für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen geeignet), dessen Ende wir inmitten der riesigen Moorlandschaft nur erahnen können. Aber unsere Neugier ist so groß, dass wir dem Schild folgen und einfach loslaufen. Nach etwa 20 Minuten befinden wir uns in einer Sackgasse – aber der schönsten, die wir bis dato in Schweden gesehen haben. Vor uns erstreckt sich der blau schimmernde Vogelsee „Kävsjön“[4], und wir sind mutterseelenallein. Lediglich eine starke Brise saust uns durchs Haar und leistet uns dauerhaft Gesellschaft. Wir genießen die Einöde, Ruhe und Abgeschiedenheit. Ein kleines Paradies, welches sich hier auftut.

In jedem von uns steckt ein Kind

Nur schweren Herzens treten wir den Rückweg an und folgen noch ein kleines Stück der Rundtour. Bis zum nächsten Abzweig, der uns zurück zum Naturum führt. Ein bisschen Zeit haben wir noch zur Verfügung und beschließen daher, den Tag mit dem „Skogstrollens stig“ ausklingen zu lassen. Der eigentlich für Kinder konzipierte 500 Meter lange „Pfad der Waldtrolle“ erzählt die Geschichte von Tryfflan, die ihren kleinen Bruder Gnarp sucht und dabei den Besucher auf eine Reise zu Hummeln, Kobolden, Kröten und der Königin der Moore mitnimmt. Jede der 17 Kapitel bzw. Stationen bietet Wissenswertes über Flora und Fauna, wo außerdem die liebevoll geschnitzten Holzfiguren darauf warten, zwischen den Baumwipfeln, Zweigen und Gräsern entdeckt zu werden. Eine wunderschöne Geschichte mit Happy End – für Klein UND Groß 😉 – die ca. 30 Minuten dauert.

Zurück am Camper merken wir, dass die Anzahl an Wohnmobilen deutlich zugenommen hat. Wir fragen uns, ob man hier im Nationalpark wohl übernachten kann?! Wir erkundigen uns im Naturum und können unser Glück kaum fassen: Die Suche nach einer Übernachtung können wir uns für die kommende Nacht sparen. Stattdessen nennen wir einen wunderbaren Stellplatz mitten in der Natur unser eigen.


Unser Fazit: Die Natur im Nationalpark Store Mosse ist unbeschreiblich schön und vielfältig. Seine Entdeckung und Erhaltung ist vor allem dem Professor, Förster und Naturschützer Edvard Wibeck zu verdanken. Er setzte sich Zeit seines Lebens dafür ein, Store Mosse mit seiner Vogel- und Pflanzenwelt als Nationalpark anerkennen zu lassen.[5]

Wer im Nationalpark Store Mosse Halt macht, sollte sich das Naturum auf keinen Fall entgehen lassen. Es ist mit unglaublich viel Liebe fürs Detail eingerichtet und wirklich ein wunderschönes Erlebnis. Aber auch darüber hinaus gibt es viel zu sehen und zu beobachten.

Vor allem die Erkundung des Hochmoors, welches sein gesamtes Wasser aus dem Regen bezieht,[6] ist ein kleines Abenteuer: Es umgibt einen nichts anderes als sumpfige Landschaft, ein Querfeldein ist nicht möglich und an manchen Stellen werden die Füße nur von ein paar Holzplanken am Einsinken gehindert. Die Wege können somit schlammig, nass, schmutzig und uneben sein. Wanderschuhe oder -stiefel sind auf jeden Fall eine gute Wahl.

Quellenangaben:
[1] Schweden, Nelles Verlag GmbH, 2017, 8. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 71
[2] https://www.visitsmaland.se/de/erlebnisse/natur-abenteuer/store-mosse (letzter Abruf: 26.07.2020)
[3] https://www.sverigesnationalparker.se/de/nationalpark-wahlen/store-mosse-nationalpark/nationalpark-fakten/geschichte/ (letzter Abruf: 26.07.2020)
[4] Schweden, Reisebuchverlag Iwanowski GmbH, 2016, 13. Auflage, ISBN 978-3-86197-153-5, Seite 54f.
[5] https://www.sverigesnationalparker.se/de/nationalpark-wahlen/store-mosse-nationalpark/nationalpark-fakten/geschichte/ (letzter Abruf: 26.07.2020)
[6] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 318

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