Den Campingplatz „First Camp Gränna-Vättern“ haben wir am Vortag nicht ohne Grund ausgesucht. Vor seinen Pforten gibt es eine direkte Fährverbindung zur 25 km² großen Insel Visingsö, der größten Insel im Vätternsee. Wir checken also aus, stellen unser Wohnmobil auf dem Parkplatz ab und beschließen die Insel per Fahrrad zu erkunden. Vor Ort am Fährterminal soll es entsprechende Mietstationen geben.[1] Nur leider haben wir wieder einmal vergessen, dass wir außerhalb der Saison reisen. Der Fahrradverleih hat geschlossen. Traurig fluchend überlegen wir, was wir machen. Die Insel zu Fuß zu erkunden, stellt aufgrund ihrer Größe und unserer zur Verfügung stehenden Zeit keine gute Alternative dar.
Erkundungstour auf einem überlangen Sofa
Plötzlich sehen wir auf der Anhöhe einen „Remmalag“[2], einen Pferdewagen, der von einer Menschentraube zielstrebig angesteuert wird. Wie wir von der Kutscherin erfahren, sind die Plätze im Voraus zu reservieren und eigentlich bereits ausgebucht. Die große Enttäuschung muss uns förmlich im Gesicht gestanden haben. Sie scheint Mitleid mit uns zu haben und bittet uns um ein paar Minuten Geduld. Schließlich können wir unser Glück kaum fassen: Es sind tatsächlich noch zwei Plätze frei und sofern wir den Fahrpreis in bar sowie passend zahlen können, nimmt sie uns gerne mit.
Blöd, dass wir lediglich einen 200 Kronen-Schein in der Tasche haben. Also, rennen wir so schnell uns unsere Füße tragen die Treppen hinunter zum Kiosk am Hafen – in der Hoffnung, uns kann jemand mit dem passenden Wechselgeld helfen. Tja, was sollen wir sagen, das Glück ist einfach auf unserer Seite. Nur wenige Minuten später sitzen wir außer Puste, aber glücklich im Pferdewagen. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Kutsche sieht dieser aus, als wären zwei überlange Sofas mit den Rückenlehnen aneinandergeschraubt. Weich gepolstert und bei schönstem Sonnenschein startet die Fahrt.


Einer Sage nach entstand die Insel Visingsö, als der Riese Vist Gras in den See warf, damit seine Frau keine nassen Füße bekommt.[2] Seitdem ist die Insel stets bewohnt gewesen und ein Zufluchtsort für zahlreiche Herrscher. Das Schloss Näs ganz im Süden diente vor fast 800 Jahren als Sitz des ersten schwedischen Königs Magnus Ladulås. Heute ist es nur noch eine Ruine.[1]
Ruhig und beschaulich
Unsere Tour führt uns entgegengesetzt in nördliche Richtung an grün strahlenden Feldern vorbei zur Kumlaby-Kirche. Sie ist Zeugnis des Adelsgeschlechts Brahe. Im 17. Jahrhundert ließ Per Brahe dort eine Schule errichten und den Kirchturm in eine Aussichtsplattform umwandeln, um zum Zwecke der Astronomie den Sternenhimmel beobachten zu können.[3] Heute erstreckt sich der Blick von dort oben über den größten schwedischen Eichenwald, der damals für den Bau von Kriegsschiffen angelegt wurde.[2]


Nach etwa 45 Minuten geht die Fahrt zurück zum Fährterminal. Durch den Wald, entlang an blühenden Feldern und vorbei an Kühen sowie dem Kräutergarten der Brahekyrka. Die Brahekyrka selbst steht unweit davon und beherbergt die Grablege der Grafen Brahe.[4] Alles wirkt absolut ruhig und verschlafen. Unweigerlich stellt sich uns die Frage, wie gegensätzlich es wohl während der Hauptsaison auf der Insel zugehen mag?!
Bevor uns die Fähre wieder zurück auf die andere Uferseite nach Gränna bringt, schlendern wir noch oberhalb des Hafens durch die Ruinen des Visingsborgs slott und picknicken an einem der darunter liegenden Holztische – mit einer traumhaften Aussicht auf den dunkelblauen Vätternsee.


Zucker, Wasser und Essig
Von Gränna selbst haben wir bisher noch nichts gesehen. Das wollen wir ändern, und laufen zielstrebig zur Durchgangsstraße Brahegatan, die in den Sommermonaten zum Nadelöhr wird.[5] Warum? Weil sich unter anderem dort ein kleiner Laden an den anderen reiht, von denen die meisten eine leckere, ganz spezielle Süßigkeit herstellen und verkaufen. Das Städtchen ist nämlich weltberühmt für seine rot-weißen Zuckerstangen, die Polkagrisar („Polka-Schweinchen“).[5] „Sie werden nach dem Rezept von Amalia Eriksson aus dem Jahr 1859 aus Zucker, Wasser und Essig gefertigt und sind in zahlreichen geschmacklichen und optischen Varianten erhältlich.“[5]
Auch darüber hinaus ist Gränna ein malerisches Städtchen. Da es Zeit seines Lebens keinem Feuer zum Opfer gefallen ist, gehört es heute zu einem der am besten bewahrten Holzhaus-Orte des Landes. Mit einem Kaffee und etwas Gebäck aus dem Café um die Ecke setzen wir uns gegenüber auf eine Mauer und lassen die gelben Fassaden auf uns wirken. Der Verkehr reißt bereits zu dieser Jahreszeit selten ab. Wir möchten uns nicht ausmalen, wie groß das bereits angesprochene Nadelöhr zur Hauptsaison sein muss. 😉


Von Gränna aus fahren wir weiter Richtung Norrköping. Da die Strecke etwa 130 Kilometer beträgt und wir bis zum Nachmittag ankommen möchten, tauschen wir in diesem Fall die Landstraße gegen die Autobahn (E4). 1,5 Stunden später haben wir unser Ziel erreicht und suchen uns unmittelbar eine Übernachtungsmöglichkeit. Wir parken unseren Leo auf einem Parkplatz bei Lindö an einem kleinen Hafen (Dort wo sich die Straßen Pampusvägen und Bidevindsvägen kreuzen). Die Sonne strahlt trotz vorangeschrittener Stunde immer noch kräftig vom Himmel. Daher ziehen wir unsere Wanderschuhe an und laufen noch ein bisschen zum Lindöbadet. Ein Steg führt in die Mitte der Bucht. Da uns kein Schild verbietet zu übernachten, tun wir das einfach – mit Blick auf den See. 🙂


Unser Fazit: Die Überfahrt zur Insel Visingsö dauert nur knapp 30 Minuten. Im Sommer verkehrt die Fähre etwa alle halbe Stunde, im übrigen Jahr weniger regelmäßig.[6] Fahrkarten können vor Ort am Fähranleger bzw. auf der Fähre gekauft werden, wobei die Tickets an Board mit einem Aufschlag von 10-15% teurer sind (Fußgänger (und Fahrrad): 50 SEK p.P., Auto plus Fahrer: 180 SEK). Da es auf der Insel so gut wie keine Autos gibt und einige Abschnitte etwas schmaler/enger sind, ist die Erkundung per Fahrrad oder Planwagen empfehlenswert.
Gränna ist, wie oben bereits beschrieben, ein malerisch hübsches Dorf. Allerdings genauso touristisch angelegt. Die Zuckerstangen-Läden sind genau darauf ausgelegt. Oder zumindest verstehen sie es, ihre Berühmtheit gut in Szene zu setzen und den Besucher zum Kaufen zu verleiten. Hinter Glasscheiben kann man in vielen Geschäften die Zuckerstangen-Herstellung beobachten.
Quellenangaben:
[1] https://www.visitsmaland.se/de/erlebnisse/kinder-familie/visingso (letzter Abruf: 29.07.2020)
[2] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 333f.
[3] Schweden, Reisebuchverlag Iwanowski GmbH, 2016, 13. Auflage, ISBN 978-3-86197-153-5, Seite 338
[4] Schweden, Nelles Verlag GmbH, 2017, 8. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 72
[5] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 331f.
[6] Schweden, Lonely Planet Global Limited, MAIRDUMONT, 2018, 5. Auflage, ISBN 978-3-8297-4598-7, Seite 251