Schweden 2019 // Tag 13: Über Hängebrücken zu den Schären

Heute wollen wir es ruhig angehen lassen. Kein Trubel, keine Menschen, kein 100 Kilometer-Marsch. Kurzerhand schenken wir also der 88.000 Einwohner großen Industriestadt Norrköping[1] keine Beachtung, und folgen stattdessen der E4 weiter Richtung Nyköping. Aber um „nur“ herumzuhocken, ist das Wetter nach all den Regentagen viel zu schön. Wir möchten die wenige uns noch verbleibende Zeit in der Natur verbringen. Das Naturreservat Stendörren verspricht dafür genau das richtige zu sein.

Stendörren ist eine 900 Hektar große Schärenlandschaft zwischen Nyköping und Trosa, wobei rund 700 Hektar davon auf dem Wasser liegen.[2] Die größeren Inseln sind jedoch über mehrere Hängebrücken mit dem Festland verbunden und gut erreichbar. Bei Anreise mit einem PKW oder Wohnmobil eignen sich am besten die beiden Parkplätze „Naturumparkeringen“ oder „Äspskärsparkeringen“ als gute Ausgangspunkte für deren Erkundung.

Letzterer liegt unmittelbar auf unserer Strecke, sodass wir uns für diesen und gegen einen Abstecher ins Naturum entscheiden. Auch wenn uns somit keine Wegbeschreibung und detaillierten Informationen zur Gegend vorliegen, werden wir uns schon zurechtfinden. Und so ist es auch. Nachdem wir den großzügigen Parkplatz über die Schotterstraße erreicht haben, sorgt die Informationstafel auf der gegenüberliegenden Seite für Orientierung.

Über Stock und Stein

Wir laufen los und stehen kurze Zeit später vor der ersten Hängebrücke. Während uns der Wind die Haare zerzaust und beinahe das Basecap vom Kopf fegt, wagen wir uns langsam Schritt für Schritt hinüber – allerdings entsprechend der Beschilderung nacheinander („nur eine Person pro Hängebrücke und nur 100kg“). Zum Glück haben wir heute Morgen nicht so viel gefrühstückt. 😉

Nach der ersten Hängebrücke folgen auch sogleich Nummer zwei und Nummer drei. Ein tolles Gefühl, sich immer weiter vom Festland zu entfernen und der Ostsee entgegenzulaufen. Unser Weg führt hinauf und hinunter. Wir erklimmen Felsen, klettern über große Wurzeln, schlagen uns durch bodenbedeckende Pflanzen und halten uns an Zaunlatten fest, die uns glücklicherweise vor einem Sturz in den Abgrund bewahren. Zwischen den Bäumen blitzt links und rechts das dunkelblau/türkis glitzernde Wasser auf.

Auf einem der Felsvorsprünge der Schäreninsel Äspskär machen wir Rast und genießen die unsagbare Stille. Bis auf die brütenden Seeschwalben, die durchaus sehr aggressiv werden können, wenn man ihnen – wie wir versehentlich – zu nahe kommt, hören wir nur das leise Rauschen des Wassers. Unter dem blauen Himmel und der strahlenden Sonne fühlen wir uns wie im Paradies. Genau so haben wir uns unseren entspannten Tag vorgestellt.

Der Rückweg gestaltet sich nicht viel anders als der Hinweg, ist jedoch nicht minder schön. Wir befinden uns einfach auf einem hinreißenden Fleckchen Erde und schwärmen auch noch davon, als wir uns bereits wieder im Wohnmobil befinden und unsere Reise fortsetzen.

Wir haben Zeit…

Im Hinblick auf unser Vorhaben, es heute ruhig anzugehen, haben wir tatsächlich zu Fuß schon mehr Kilometer zurückgelegt als geplant. Wir beschließen es dabei zu belassen und direkt den nächsten Übernachtungsstopp anzusteuern: Nyköping. Dort gibt es am Bootsanleger des Flusses Kilaån fünf kostenfreie Wohnmobil-Stellplätze (Spelhagsvägen 14e, 61131 Nyköping), von denen drei mit Stromanschluss ausgestattet sind.

Als wir ankommen, wartet genau einer der begehrten drei gefühlt nur noch auf uns und unser Stromkabel. Leo lässt sich perfekt in die Lücke manövrieren. Die Uhr zeigt gerade mal 15 Uhr, und wir haben Zeit. Zeit zum Lesen, Faulenzen und Entspannen – bis uns schließlich der Hunger vor die Tür treibt. Wir laufen am Kilaån die Västra Skeppsbron entlang, vorbei am Sörmlands Museum und sehen auf der gegenüberliegenden Seite eine Vielzahl kleinerer Restaurants. Da ist bestimmt etwas für uns dabei.

Auf Hochglanz poliert

Am Ende der Restaurantmeile angekommen, müssen wir uns entscheiden. Das machen wir auch. Aber zunächst nicht für ein Restaurant, sondern für die vielen Oldtimer, die sich auf dem Platz zwischen Jachthafen Östra Skeppsbron und dem Stadtpark „Parken i hamnen“ einfinden. Plötzlich umringen uns ungeahnt die wertvollsten Autos, die das schwedische Oldtimer-Treffen zu bieten hat: ein Cadillac Impala, ein Chevrolet Chevelle SS 454 und ein Ford Mercury, um nur ein paar der auf Hochglanz polierten Vierräder zu nennen.

Ein wahrer Augenschmaus, der jedoch nicht gegen unseren knurrenden Magen hilft. Im Gegensatz zum Kajplats 2 (Facebook, Västra Skeppsbron 3, 61135 Nyköping). Drinnen einfach Bestellung aufgeben und draußen bei Abendsonne sowie mit Blick auf den Fluss das Essen genießen. Endlich scheint der Sommer zu kommen. Was für ein entspannter Ausklang eines naturreichen Tages.


Unser Fazit: Stendörren ist ein wahres Naturerlebnis. Die Erkundung der Schärenlandschaft sollte während eines Schwedenurlaubs auf keinen Fall fehlen. Man sollte jedoch gut zu Fuß sein und beim Anblick einer sich im Wind hin und her schaukelnden Hängebrücke nicht sofort Herzrasen kriegen. Die ausgeschilderten Grillplätze laden zum Verweilen ein. Gut zu wissen: Übernachtungen in diesem Naturreservat sind nicht gestattet.

Die kostenlosen Wohnmobil-Parkplätze in Nyköping sind sehr begehrt. Wer einen von ihnen ergattern möchte, muss früh dran sein. Wir hatten Glück, andere weniger. Am Abend waren nicht nur die fünf ausgezeichneten Plätze belegt, sondern auch der vorgelagerte PKW-Parkplatz.

Quellenangaben:
[1] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 348
[2] https://www.guidebook-sweden.com/de/reisefuehrer/reiseziel/stendoerrens-naturreservat-naturschutzgebiet-nykoeping (letzter Abruf: 02.07.2022)

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