Schweden 2019 // Tag 14: Ein Hauch von Nostalgie

Unser vorletzter Tag mit Leo bricht an und wir müssen uns auf den Weg nach Enköping machen, unserem Startpunkt vor zwei Wochen. Doch nicht ohne noch einen letzten Abstecher zu unternehmen. Und zwar nach Mariefred. Auf dem kostenfreien Parkplatz in der Nähe des Parks „Midsommarängen (slottsängen)“, der sogar über eine öffentliche Toilette verfügt, finden wir für Leo genügend Platz.

Nur wenige Hundert Meter von dort liegt das Schloss Gripsholm, das durch den Berliner Schriftsteller Kurt Tucholsky 1929 Berühmtheit erlangte: „Das Schloss, aus roten Ziegeln erbaut, stand leuchtend da, seine runden Kuppeln knallten in den blauen Himmel“.[1] Dieses Aussehen erhielt das Schloss jedoch erst ab 1526 unter der Herrschaft von Gustav Vasa, während seine ursprüngliche Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht.[2]

Über eine Zugbrücke gelangen wir zunächst in den äußeren Burghof und blicken hinauf zu den vier Rundtürmen: den Gripturm (benannt nach dem ersten Bauherrn Bo Jonsson Grip, 1380), den Wasaturm, den Theaterturm und den Gefängnisturm.[3] Die Fassade lässt erahnen, in wie vielen Zeitabschnitten die Erbauung, Erweiterung, Restaurierung und Veränderung des Schlosses vonstattengegangen sein muss. Fünf Zentimeter dicke Mauern erinnern uns eher an eine Festung.[4]

Der Gewölbegang bringt uns weiter zum inneren Burghof, in dessen Mitte ein hübscher Renaissancebrunnen steht. Wir schauen uns ein wenig um, entdecken einen Kräutergarten, zahlreiche Skulpturen und den wundervollen See, der das gesamte Schloss umgibt. Auf eine Führung und Besichtigung des Schlossinneren haben wir keine große Lust, sodass wir kurzerhand unseren Weg in Richtung Bahnhof fortsetzen.

Und erleben eine kleine Überraschung: Der Bahnhof und der davor laut schnaufende Zug entführen uns gefühlt an den Schauplatz eines alten Schwarz-Weiß-Films. Während die Museums-Dampfeisenbahn auf ihre Abfahrt wartet, wabern dicke Rauchwolken aus der Lok und die Fahrgäste suchen sich in einem der historischen Waggons einen Sitzplatz. Das Bahnhofsgebäude spiegelt diese Nostalgie wider. Der Warteraum ist wie ein kleines Museum mit alten Blechschildern, Koffern, Milchkannen und sonstigen geschichtsträchtigen Stücken übersät. Und wie damals kann man am Schalter eine Fahrkarte für die zwischen Mariefred und Läggesta verkehrende Bahn kaufen.

Unsere Füße tragen uns weiter in Richtung der gepflasterten Fußgängerzone Storgatan. Kleine Läden laden zum Bummeln ein, der Supermarkt zum Großeinkauf. Immer weiter geradeaus stoßen wir auf den Mälarsee und das Baderskan-Gebäude. Letzteres war seit Beginn des 20. Jahrhunderts ein Badehaus und eine Waschküche. Die Bewohner von Mariefred wuschen und schrubbten dort bis in die 1970er Jahre ihre Kleidung. Im Moment steht das Gebäude leer, soll aber im Rahmen des „Baderskan-Projektes“ in seinen früheren Glanz zurückversetzt werden.[5]

An der Anlegestelle des kohlebefeuerten Dampfschiffs Mariefred machen wir kehrt. Fast mutterseelenallein blicken wir auf den See und stellen uns vor, wie es in den Sommermonaten hier von Menschen wimmelt. Eine Fahrt mit dem aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts stammenden Dampfschiff ist für viele Besucher ein Highlight. Von Ende Mai bis Mitte September fährt es täglich, sonst wochenends zwischen Mariefred und Stockholm hin und her.

Auf dem Weg zum Parkplatz kommen wir noch an dem kleinen Badeplatz „Hamnbadet“ und dem Jachthafen vorbei. Unweigerlich fällt unser Blick erneut auf das imposante Schloss Gripsholm.

Die morgige Abgabe unseres Wohnmobils rückt immer näher. Wir müssen noch unsere Sachen packen, letzte Vorräte aufbrauchen und Leo vorbereiten. Daher fahren wir über die Schären zurück nach Enköping, genießen nochmals das glitzernde Wasser und die vorbeiziehende Natur. So schnell vergehen 14 Tage… Zum Glück müssen wir von Schweden noch nicht komplett Abschied nehmen, sondern tauschen fürs Erste naturnahe Abgeschiedenheit gegen Großstadt-Feeling. Auf geht’s nach Stockholm!


Unser Fazit: Das Städtchen Mariefred ist durchaus einen Besuch wert. Die engen Gassen, die Lage am Mälarsee und die vielen geschichtsträchtigen Dampf-Attraktionen machen es zu einem malerischen und authentischen Ausflugsziel. Dem roten, imposanten Schloss Gripsholm mit seinem gepflegten Schlosspark kann man sich dabei nur schwer entziehen. Aber das möchte man eigentlich auch nicht. Es macht den Ort erst zu dem, was er ist.

Quellenangaben:
[1] Südschweden, Reise Know-How-Verlag Peter Rump GmbH, 2017, 2. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 441
[2] Schweden, Nelles Verlag GmbH, 2017, 8. Auflage, ISBN 978-3-8317-2923-4, Seite 138ff.
[3] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 140
[4] Schweden, Lonely Planet Global Limited, MAIRDUMONT, 2018, 5. Auflage, ISBN 978-3-8297-4598-7, Seite 111
[5] https://www.kulturparlor.se/baderskan/ (letzter Abruf: 30.07.2020)

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