Heute müssen wir unseren Camper „Leo“ abgeben. Er hat uns in den letzten 14 Tagen zu den traumhaftesten Orten gebracht und war bei jedem Wetter unsere kleine Wohlfühloase. Kein Wunder, dass er uns ans Herz gewachsen ist.
Die Übergabe des Wohnmobils muss bis 9 Uhr erfolgt sein. Hierfür muss das Abwasser entsorgt, die Toilette sauber, der Kühlschrank geleert und der Innenraum besenrein sein. Es würde uns nicht wundern, wenn Leo noch am selben Tag weitervermietet wird. Also, stehen wir für unsere Verhältnisse recht früh auf, erledigen schnellstmöglich unsere To dos und fahren vom Campingplatz in Enköping nach Bålsta zur McRent-Station.
Wir holen unsere Habseligkeiten aus dem Camper, machen einen letzten Kontroll-Check und sagen „Hey då, Leo“. Der Abschied fällt tatsächlich schwerer als gedacht. Immerhin haben wir gemeinsam 5.335 Kilometer zurückgelegt und kleine technische Herausforderungen mit Bravour gemeistert (selbstverständlich haben wir die defekte Tür und den telefonisch erhaltenen Workaround mit abgeklemmten Kabel vorsorglich nochmals erwähnt ;-)).
Doch kaum sitzen wir im Taxi nach Stockholm, nimmt die Traurigkeit ab und die Vorfreude zu. Vor uns liegen drei Tage Großstadt-Abenteuer und Schären-Flair. Um in Stockholm nicht auf ein Auto angewiesen zu sein, wählten wir im Vorfeld ein Hotel, das nicht allzu weit von der Innenstadt entfernt liegt, preislich erschwinglich ist und sich als guter Ausgangspunkt für alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß oder per Bus eignet.
Im Hotel angekommen, erfahren wir, dass unser Zimmer leider erst um 14 Uhr, also in 3-4 Stunden, fertig ist. Da wir jedoch unser Gepäck bis dahin unterstellen können, nutzen wir die Zeit und unternehmen eine erste Erkundungstour. Unser Hotel befindet sich in der Nähe zum Hagaparken (Hagapark). Was liegt also näher, als durch den von Gustav III. im englischen Stil angelegten Park zu spazieren. Einst wollte er hier ein zweites Versailles entstehen lassen. Ein Plan, den er durch seine Ermordung nicht vollständig umsetzen konnte. Der Park selbst und ein paar steinerne Relikte zeugen noch davon.[1]
Ohne konkretes Ziel laufen wir drauf los, genießen das sonnige Wetter und die leichte Brise. Auf diese Weise kommen wir zunächst zur Övre Haga (Obere Haga). Dort fällt uns sofort das schlossähnliche Gebäude auf. Einst war es eine Orangerie mit Gewächshäusern, die ursprünglich als Wirtshaus fungierte. Heute dient es der Gemeinde Solna nur noch als Lagerraum.[2] Wir erkunden das gepflegte Anwesen und stehen kurze Zeit später vor dem Fjärilshuset Haga Ocean (155 SEK p.P.). Es ist eine Kombination aus einem über 3.000 m² großen, tropischen Schmetterlingshaus und mehreren Meeres-Aquarien, darunter ein 30 Meter tiefes Haibecken.[3]
Nur knapp 500 Meter weiter südlich gelangen wir zu einer weiteren Hagaparken-Sehenswürdigkeit, den Värdshuset Koppartälten (Kupferzelte). Ein bisschen orientalisch wirken die drei Zelte auf uns. Sie stammen vom Architekten Louis Jean Desprez, der sie römischen Militärzelten nachempfunden hat. Früher dienten sie als Ställe, heute sind ein Café, ein Restaurant und das Parkmuseum darin untergebracht.[4]



Weit und breit sehen wir nichts außer Grün. 26.000 Bäume wurden Ende des 18. Jahrhunderts unter Herrschaft des Königs Gustav III. eigens für den Park gepflanzt.[5] Diese Idylle gefällt nicht nur den Menschen, sondern auch den Tieren. Insbesondere an den Ufern des Sees Brunnsviken haben sich viele Vögel niedergelassen, die brüten und ihre Jungen großziehen.
Bevor wir den Hagapark verlassen, führt uns unser Weg noch am Ekotemplet (Echotempel), der Gustav III. als luftiger Speisesaal dienen sollte[6], und der Kinesiska Paviljongen (Chinesische Pagode) vorbei. Das Haga Schloss, in dem seit 2010 Kronprinzessin Viktoria mit ihrem Mann Daniel lebt, ist hinter meterhohen Zäunen nur zu erahnen. Fotografieren desselbigen ist strengstens verboten.



Nun zieht es uns in die Innenstadt. Wir möchten unsere Füße für die nächsten Tage etwas schonen und kaufen uns für Bus und Fähre ein 3-Tages-Kombiticket [260 SEK p.P.]. Zunächst fahren wir vom Stockholmer Stadtteil Vasastaden bis nach Norrmalm.
Norrmalm ist neben Kungsholmen und Östermalm einer von drei Stadtteilen, die laut Reiseführer das moderne Stockholm darstellen.[7] Wir laufen in Richtung Wasser zur Vasabron. Von dort schauen wir auf die gegenüberliegende Seite und erblicken links auf der winzigen Insel Helgeandsholmen das Riksdagshuset (Reichtagsgebäude) sowie in der Gamla Stan (Altstadt) das Riddarhuset (Ritterhaus) und das Bondeska palatset (Bondesches Palais):
- Riksdagshuset (Reichtagsgebäude): Das schwedische Parlament wurde zwischen 1896 und 1906 erbaut.[8] In den 70er-Jahren erweiterte man den Bau und schuf damit zusätzlichen Platz für die Abgeordneten.[9]
- Riddarhuset (Ritterhaus): Das Riddarhuset gehört zu den „schönsten Herrschaftshäusern Schwedens“.[10] Es wurde über einen Zeitraum von 33 Jahren Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut. Am Haupteingang befindet sich eine Statue von König Gustav Wasa, die als erstes und damit ältestes Denkmal Schwedens gilt.[11]
- Bondeska palatset (Bondesches Palais): Das Gebäude wurde Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet, erhielt sein heutiges Aussehen jedoch erst nach einem Brand um 1753. Nachdem es nicht mehr im Besitz der Familie Bonde war, wurde es u.a. als königliche Bibliothek und als Rathaus genutzt. Seit den 1940er-Jahren ist es Sitz des Obersten Gerichtshofs Schwedens.[12]


Wir folgen der Straße weiter zum Gustav Adolfs Torg und sehen rechter Hand nochmals das imposante Reichtagsgebäude, das über die Norrbro direkt zugänglich ist. Wir laufen weiter auf der Strömgatan, auf der es von Fußgänger*innen und Segway-Fahrer*innen wimmelt. Wir bahnen uns einen Weg hindurch und stehen vor dem Grand Hôtel. Die Fassade lässt es bereits erahnen: Es gehört zu den schwedischen Luxus-Hotels und hat so gut wie jede Berühmtheit, die in Stockholm übernachtet hat, beherbergt.[13]
Das Wetter ist traumhaft schön und lädt zum Eis essen ein. Wir beobachten dabei die kleinen Fähren, die wie schwimmende S-Bahnen die verschiedenen Haltstellen am Ufer anfahren und ihre Passagiere ein- und aussteigen lassen. Die Neugier und Lust packt uns, sodass wir uns auf den Weg zur Haltestelle Slussen machen und dort mit der Fähre auf die Halbinsel Djurgården fahren. Herrlich, wie der Wind uns um die Nase weht. Knapp 10 Minuten später sind wir bereits am Ziel und legen an der Station „Allmänna Gränd/Gröna Lund“ an.
Es gibt viel zu sehen. Die kleine Insel scheint mit Attraktionen nur so vollgestopft zu sein. Schon vom Wasser aus haben wir Fahrgeschäfte des Freizeitparkes Gröna Lund in den Himmel ragen sehen. Er wurde 1883 vom Deutschen Jacob Schultheis als kleiner Rummelplatz eröffnet und ist damit heute Schwedens ältester Freizeitpark. Seine Lage ist absolut einzigartig, wenn auch flächenmäßig leider sehr begrenzt. Doch neben Achterbahnen und Kettenkarussell heißen verschiedene Konzertabende und Varietéshows die Besucher willkommen. (www.gronalund.com – 120 SEK p.P. Ende April bis Mitte September)[14]


Wir versuchen uns dem Trubel ein bisschen zu entziehen und laufen die Djurgårdsvägen Richtung Östermalm entlang. Dabei kommen wir (unübersehbar) am ABBA Museum vorbei. Das 2016 eröffnete Museum zeigt den erfolgreichen Werdegang der schwedischen Pop-Band anhand zahlreicher Erinnerungsstücke und Videoaufnahmen. Als kleines Highlight können Fans die nachgebaute Ferienhütte von ABBA, einschließlich des per Videos eingespielten Ausblicks aufs Meer, erleben.[15]
Weiter Richtung Östermalm über die Djurgårdsbron zur Strandvägen. Wir schlendern am Wasser und den Booten, die teilweise zu kleinen Restaurants und Cafés umgebaut wurden, vorbei. Langsam neigt sich der Nachmittag dem Ende und die Abenddämmerung ist bereits spürbar. Wir beschließen, den nächsten Bus zu nehmen und zum Hotel zurückzufahren.
Unser Fazit: In Stockholm gibt es eine Menge zu sehen, das merken wir bereits am ersten Tag. Das schönste ist und bleibt, einfach drauflos zu laufen und die Augen offen zu halten. Dabei entdeckt man die tollsten Dinge.
Der Hagapark ist ein wunderschönes, grünes Fleckchen Erde. Hier lässt es sich prima entspannen und spazieren gehen – und wenn man will, auch den ganzen Tag verbringen. 🙂
Die Fähren ergänzen das ÖPNV-Angebot in Stockholm und sind eine hervorragende Möglichkeit, um schnell von A nach B zu kommen.
Quellenangaben:
[1] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 49
[2] Hagabladet, Nr. 3/2008, Artikel „Ateljéerna på Övre Haga“ von Ingrid Sjöström; https://haga-brunnsviken.org/wp-content/uploads/2013/06/hagabladet_3-08_web.pdf (letzter Abruf: 30.07.2022)
[3] https://www.fjarilshuset.se/ (letzter Abruf: 03.08.2020)
[4] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 97
[5] https://www.skr.de/schweden-reisen/sehenswuerdigkeiten/hagaparken/ (letzter Abruf: 03.08.2020)
[6] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 51
[7] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 38
[8] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 94
[9] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 70
[10] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 77
[11] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 92
[12] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 95
[13] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 90
[14] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 132f.
[15] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 117ff.