Schweden 2019 // Tag 16: Unterirdische Kunst

Der Vormittag soll laut Wettervorhersage sehr regnerisch werden. Also, widmen wir uns nach einem hervorragenden Frühstück im Hotel der Stockholmer Kunst. Genauer gesagt, der „U-Bahn-Kunst“, die mit 110 Kilometern angeblich die „längsten Kunstgalerie der Welt“ ist. „94 der 100 Metrostationen sind mit Skulpturen, Mosaiken, Schaukästen und Fresken geschmückt, zu denen insgesamt 250 Künstler beigetragen haben.“[1]

Wir suchen uns ein paar der schönsten sowie beeindruckendsten Bahnhöfe heraus und beginnen unsere unterirdische Museumstour an der Haltestelle Kungsträdgården. Sie wurde 1977 eröffnet und vom Künstler Ulrik Samuelson sehr aufwendig gestaltet. Er möchte mit den dominierenden Farben Grün, Rot und Weiß sowie den Skulpturen und verwendeten Felsinszenierungen an den Barockgarten über der Station erinnern.[2] Der „königliche Garten“ existiert zwar noch, wurde allerdings im 16. Jahrhundert vom Gemüsegarten in einen Wandelgarten umgebaut. Heute ist er ein beliebter Treffpunkt zum Spielen, Musizieren, Kaffeetrinken und Schlittschuhlaufen.[3] Darüber hinaus griff der Künstler auch aktuelle Themen auf, wie beispielsweise die Atomkraftwerkkatastrophe in Tschernobyl von 1988, zu deren Anlass er eine der Decken erstellte.[4]

Unser zweiter Halt auf der selbstgewählten Tour ist Fridhemsplan. Gegenüber den bisherigen Eindrücken ist dieser fast ein bisschen ernüchternd, wobei das maritime Thema schön in Szene gesetzt wurde. Wir entdecken neben den Rolltreppen einen riesigen Anker sowie hinter einem Schaukasten ein Miniatur-Segelschiff.

Weiter geht es zum U-Bahn-Bahnhof Thorildsplan. Allerdings befindet sich dort das Besondere nicht unter Tage. Wir müssen nach oben und folgen den Treppenstufen Richtung Tageslicht. Bereits auf halbem Wege trauen wir unseren Augen nicht. Plötzlich befinden wir uns gefühlt mitten in einem Level von Super Mario und Pacman. Etwas pixelig, aber wir würden keine Sekunde zögern, mitzuspielen. 🙂

Wir begeben uns wieder nach unten und warten auf die nächste U-Bahn, die uns zur Technischen Hochschule (Tekniska Hogskolan) bringt. Dort erwarten uns – passend zur Haltestelle – technische und wissenschaftliche Kunstobjekte. Beeindruckend ist vor allem der von der Decke hängende Glaspolyeder.

Als nächstes fahren wir weiter zur Station Stadshagen. Dort hat es unter anderem bunt schillernde Regenbogen-Rolltreppen, die die Fahrgäste sowohl nach unten als auch nach oben bringen. Verwundert haben wir gelesen, dass diese Farbinstallationen jedoch kein Kunstwerk sind, sondern ursprünglich dazu dienten, die Lichtleitsysteme der Stockholmer Verkehrsbetriebe (SL – Stockholms Lokaltrafik) zu testen.[5] Wie auch immer – wir teilen die Begeisterung für die leuchtenden Treppenstufen.

Unser letztes Ziel ist die Haltestelle Stadion. Hier bleiben wir dem Regenbogen-Thema treu und bewundern die dortige Felsdecke. Sie wurde 1973 mit Eröffnung des Bahnhofs von den Künstlern Åke Pallarp und Enno Hallek gestaltet, um dem tristen und dunklen Untergrund ein freundliches Flair zu verleihen.[6]

Der Hunger treibt uns zurück an die Erdoberfläche und geradewegs zur historischen 3.000 m² großen Markthalle Östermalms Saluhall. Sie wurde 1888 fertiggestellt und schaut mit ihren zahlreichen „mit Holzschnitzereien verzierten Ständen, die oft schon seit Generationen in Familienbesitz sind“, angeblich noch aus wie damals.[7] Leider können wir das nur vom Eingang bestätigen, da das gesamte Gebäude gerade restauriert wird. Aus diesem Grund befindet sich gegenüber ein temporärer Ersatz. Nicht so schön und imposant, dafür zweckmäßig und mit großer Auswahl. Ein wahrer Feinschmecker-Tempel.[7] Unsere Wahl fällt auf zwei große belegte, frisch getoastete Brotscheiben – klingt langweilig, aber es war genau das Gegenteil. 😉 (Web, Mo-Fr 9:30-19 Uhr, Sa bis 17 Uhr)

Von der Saluhall gehen wir Richtung Berzelii Park und kommen am Kungliga Dramatiska Teatern vorbei. Unser Blick bleibt unweigerlich an dem imposanten, aus Marmor errichteten Gebäude sowie den zwei am Eingang postierten, vergoldeten Statuen „Drama“ und „Poesie“ hängen.[8]

Wir überqueren die Strömbron und laufen geradewegs in die Gamla Stan (Altstadt). Sie ist laut Reiseführer der schönste Stadtteil.[9] Am Ende der Brücke begrüßt uns sogleich das Kungliga Slottet (Königliche Schloss), das nach zahlreichen Um- und Anbauten sowie einem Großbrand im Jahr 1697 erst 1770 sein heutiges Aussehen erhielt.[10] Einige der 608 Räume des Renaissanceschlosses, wie z. B. die königlichen Gemächer, die Schatzkammer und die Schlosskirche, können besichtigt werden. (Web)

Jeden Tag um 12.15 Uhr, sonntags um 13.15 Uhr findet die Wachablösung vor dem Schloss statt.[11] Sie ist nicht so eindrucksvoll wie in London, aber dennoch sehenswert. Vor allem, wenn die Soldaten in Gardeuniform nebenan anfangen, Trompeten und Trommeln anzustimmen. Wir staunten nicht schlecht, als wir ABBA-Songs und andere Popsongs hörten, statt typische Marschmusik.

Vor der Alten Börse auf dem Stortorget, dem ältesten Platz Stockholms[11], kommt das Garde-Orchester zum Stehen und entzückt das im Halbkreis stehende Publikum mit einem kleinen Konzert. Wir sind ganz berauscht vom musischen Können, dem Witz und dem Charme, den das Orchester verströmt. Als der letzte Ton verklungen ist, bemerken wir erst, wie schön der Platz eigentlich ist – wenn gleich ihn auch eine grausame Vergangenheit prägt: Im Jahr 1520 ließ der damalige König Christian II. hier adlige Aufständler hinrichten.[12] Von dieser Grausamkeit ist nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Heute umrahmen den Stortorget wunderschöne, bunt bemalte Kaufmannshäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert.[13]

Die Stockholmer Altstadt ist wirklich ein Highlight. An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen. Wir schlendern noch ein wenig herum, laufen an Stockholms ältester Kirche Storkyrkan vorbei, zwängen uns durch die niedlichen, kleinen Gassen und begeben uns schließlich auf den Weg zu unserem Hotel.


Unser Fazit: Wer der Kunst genauso wenig abgewinnen kann wie wir, aber trotzdem ein bisschen davon in Stockholm für wenig Geld sehen möchte, dem sei die U-Bahn-Kunst ans Herz gelegt. Es fühlt sich wie eine kleine Schnitzeljagd an. Mittlerweile gibt es sogar eine App namens „Stockholm Art Walk“ (Web), mit der sich fünf Stationen ganz leicht erreichen und besichtigen lassen. Diese Art des Museumsbesuchs eignet sich insbesondere bei schlechtem Wetter.

Für die Besichtigung der Stockholmer Altstadt sollte man etwas Extrazeit einplanen. Eine Sehenswürdigkeit reiht sich an die nächste. Und die verwinkelten Straßen und Gassen laden zum Schlendern ein.

Quellenangaben:
[1] https://visitsweden.de/regionen/mittelschweden/stockholm/u-bahn-kunst-stockholm/ (letzter Abruf: 05.08.2020)
[2] https://stockholmartwalk.se/kunstfuehrer-fuer-die-stockholmer-u-bahn/die-geschichte-der-kunst-im-kungstraedgaarden-u-bahnhof/?lang=de (letzter Abruf: 05.08.2020)
[3] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 88
[4] https://stockholmartwalk.se/kunstfuehrer-fuer-die-stockholmer-u-bahn/die-geschichte-der-kunst-im-kungstraedgaarden-u-bahnhof/radioaktivitaet/?lang=de (letzter Abruf: 05.08.2020)
[5] https://stockholmartwalk.se/kunstfuehrer-fuer-die-stockholmer-u-bahn/die-geschichte-der-kunst-im-stadshagen-u-bahnhof/fotopunkt-6/?lang=de (letzter Abruf: 05.08.2020)
[6] https://viel-unterwegs.de/reiseziele/schweden/stockholm/ubahn-kunst-tour/ (letzter Abruf: 05.08.2020)
[7] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 105
[8] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 106
[9] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 69
[10] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 70ff.
[11] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 84
[12] Stockholm, VERLAG KARL BAEDEKER, 2019, 2. Auflage, ISBN 978-3-8297-3421-9, Seite 85
[13] Stockholm on tour, POLYGLOTT / GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, 2019, 1. Auflage, ISBN 978-8464-0328-0, Seite 74

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