Irgendwann kommt dieser Moment: Die Füße haben lang genug unter dem elterlichen Tisch verweilt. Es wird Zeit, pflücke zu werden und in die eigenen vier Wände zu ziehen.
Mit Stolz geschwellter Brust
Egal wie klein, egal wo – die erste eigene Wohnung bleibt für immer im Gedächtnis. Genau wie die vielen Partys, die man dort gefeiert hat, und die Flecken, die sie auf dem Teppichboden hinterlassen haben. Ganz zu schweigen von der bescheidenen Einrichtung. Ohne Küchenspüle wurde kurzerhand das dreckige Geschirr in der Badewanne abgewaschen. Und das peinliche, kackbraune Ledersofa im Wohnzimmer, das man von Bekannten zum Nulltarif überlassen bekommen hat, lud zum Faulenzen ein. Schließlich war alles toll, was das geringe Studentenbudget schonte. Selbst pastellrosa gestrichene Wände konnten die Begeisterung von der eigenen Bude kein Stück trüben. Kurz um: Die Ansprüche waren minimalistisch. Hauptsache ein Dach über dem Kopf und auf eigenen Beinen stehen. Zum Leben bedurfte es wenig.
Mit der Selbständigkeit gingen jedoch auch viele Ängste einher. Kann ich die monatliche Miete aufbringen? Welche zusätzlichen Ausgaben gilt es zu tilgen? Wäsche waschen, kochen, einkaufen und putzen… Schaffe ich das alles neben Studium und Job? Ich glaube jeder kann von sich sagen: Es war nie einfach. Doch mit jedem ins Land gehenden Monat wuchs die Zuversicht – und der Stolz, auf sich selbst.
Snob, oder was?!
Mit einem besseren Job und ein bisschen mehr Klimpergeld auf der hohen Kante wuchsen langsam auch die Ansprüche. Ein Balkon wäre schön, zusätzliche Wohnfläche, ein weiteres Zimmer, und alles, aber bitte keine Dachgeschosswohnung mehr. Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt sind seit jeher angespannt. Viel Geduld und ein Quäntchen Glück sind häufig die entscheidenden Faktoren.
Aber damit nicht genug. Was ist, wenn eines Tages die Wohnung nicht mehr „genügt“? Und sich der Wunsch nach einem eigenen, kleinen Häuschen in den Gedanken breitmacht? Wird man plötzlich zum Snob? Früher war eine kleine 3-Zimmer-Wohnung doch völlig ausreichend? Und jetzt? Immer höher, immer weiter?
Für mich war der Erwerb eines eigenen Hauses immer mit gnadenloser Unflexibilität, einem unüberschaubaren Schuldenberg und pausenloser Schufterei verbunden. Es hatte definitiv nichts Positives an sich. Vielmehr war ein Haus der bekannte „Klotz am Bein“. Eine jahrzehntelange Verpflichtung, die einen tagtäglich daran erinnert, auf keinen Fall den Job zu verlieren, da man sonst den aufgenommenen Kredit nicht mehr tilgen kann.
Das (einzigartige) Leben mit Nachbarn
Mittlerweile hat sich diese Ansicht komplett gewandelt. Warum? Die Zeit und vor allem die Begebenheiten in einer Mietwohnung ließen den Wunsch nach einem Wohnungswechsel immer lauter werden. Irgendwann schrie er einen regelrecht an. Ignorieren zwecklos. Welche Begebenheiten? Nun, da wäre vor allem die Hellhörigkeit im gesamten Gebäude. Schritte, Toilettenspülungen, Türen schlagen, Babygeschrei, Streitgespräche im Bad – an allem nimmt man unentwegt teil, ob man will oder nicht.
Die Nachbarn und ihre Gepflogenheiten sind einem irgendwann bestens vertraut. Wenn um 6 Uhr in der Früh die Rollläden kraftvoll nach oben gezogen werden, entlarvt das die Nachbarn nicht nur als Frühaufsteher, sondern erspart einem selbst auch das Anschaffen eines Weckers. Dazu die nachbarschaftlichen Ehekrisen. Gespannt wie in einer billigen Daily Soap verfolgt man – gezwungenermaßen – wilde Auseinandersetzungen und schluchzende Wortwechsel. Und fiebert – beschämt – der Fortsetzung entgegen. Werden sie sich wieder versöhnen? Hat der Wutausbruch ein Nachspiel?
Aus einem Wunsch wird Sehnsucht
Kurz um, irgendwann waren wir es überdrüssig, so hautnah am Leben unserer Nachbarn teilzuhaben. Es fühlte sich schäbig an, auf beängstigende Art wie Stalking. Schlagartig und eigentlich völlig unerwartet änderten sich damit auch meine Ansichten gegenüber einem eigenen Haus. Aus dem Wunsch auszuziehen, wurde eine Sehnsucht. Es konnte gar nicht schnell genug gehen. Lieber gestern als morgen.
Im Nachhinein haben Wohnung und Haus nicht mehr viel gemein. Aber jedes Domizil hat seine Vorteile. Und was bleibt, sind die wunderbaren Erinnerungen. Vor allem die Erinnerungen an den Beginn. Wie alles anfing, pflücke zu werden und das Leben in den eigenen vier Wänden zu meistern.