Eine kurze Reise zum Lebensmittelpunkt

Mal abgesehen davon, dass ich zwar einen Führerschein, aber kein Auto besitze und ich verspätetes Ankommen am Zielort genauso nervend finde wie jeder andere, fahre ich wirklich gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Bus und Bahn sind irgendwie entspannend. Insbesondere im Zug muss ich mich auf nichts anderes konzentrieren als auf mich selbst.

Also, nicht falsch verstehen. Ich meine die Tatsache, nicht auf den Straßenverkehr achten zu müssen. Stattdessen kann ich Dinge machen, die mir Freude bereiten: die vorbeisausende Landschaft betrachten, ein Buch lesen, mir Gedanken über Alltagssituationen machen, Geschichten für meinen Blog schreiben oder mit fremden Menschen ins Gespräch kommen. Wie einfach Letzteres passiert, durfte ich erst heute wieder erfahren.

Der auslandserfahrene Forstwirt

Auf der Suche nach einem Sitzplatz bin ich im Zug zunächst an einem Platz hängen geblieben, der leider nur für den ersten Teil meiner Bahnfahrt freigegeben war. Mit einem tonnenschweren Koffer, einem fast genauso voll gepackten Rucksack nebst zusätzlichem Beutel und Mantel wollte ich erst einmal für die Mitreisenden den Weg freimachen, um dann selbst ungehindert durch die Gänge zu ziehen.

Ganz unerwartet komme ich beim Warten mit einem Mann mittleren Alters ins Gespräch, der auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Er erzählt mir, dass er gerade von einem größeren Zusammentreffen mit verschiedenen Kollegen kommt und dass das zu einem beruflichen Leben gehört, welches er nie angestrebt hat.

Als diplomierter Forstwirt wollte er sich eigentlich viel im Ausland und in der freien Natur für den Umweltschutz einsetzen. Das hat sich dank Frau und Kindern komplett geändert. Mittlerweile sitzt er als halber IT-Fachmann den ganzen Tag im Büro vor dem Computer. Alles was er kann, hat er sich selbst beigebracht.

Begeisterung sieht meiner Meinung nach anders aus. Aber ich staune nicht schlecht als er hinzufügt, dass er sich nichts Besseres vorstellen kann. Sein Lebensinhalt hat sich einfach verändert. Seinen Job hat er auf 70% reduziert, die gewonnene Zeit widmet er voll und ganz seiner Familie – Seinem Lebensmittelpunkt.

„Luxus brauche ich nicht“

Arbeit ist für ihn Mittel zum Zweck. Das Mittel, um mit seiner Familie gemeinsam (über)leben zu können. Er meint, Luxus brauche er nicht. Und das merke ich: Das Handy in seiner Hand ist mindestens 20 Jahre alt. Es besitzt weder Internet noch Kamera. Alles, was das Gerät kann, ist telefonieren.

Nun bin ich nicht nur erstaunt, sondern auch fasziniert: Ich schaue unwillkürlich in meine Hand und sehe einen Mini-Computer. Ein Smartphone, das nicht nur meine Bahnfahrkarte, sondern fast mein gesamtes Leben minutiös speichert. Fotos, E-Mails, Apps – jeder Schritt und jedes Erlebnis ist nachverfolgbar. Und natürlich frage ich mich zwangsläufig: Brauche ich das? Oder könnte ich einfach mein altes Nokia in der untersten Schreibtischschublade herauskramen und sozusagen in die Vergangenheit zurückspringen? Ich bin ehrlich: Nein, ich glaube nicht. Ich möchte auf die Vorzüge der „neuen Welt“ nicht verzichten.

Genügsam, glücklich und zufrieden

Darüber hinaus berichtet mir mein Gegenüber, dass er morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, dass er sich mit seiner Frau die Elternzeit „brüderlich“ aufgeteilt hat und wie schön es ist, dass er sich seine Arbeit frei einteilen kann, wenn eins seiner Kinder ihn aufgrund von Fieber, Kopfschmerzen oder Unwohlsein braucht.

Während er weitererzählt, stelle ich fest: Mir sitzt ein sehr genügsamer, glücklicher und zufriedener Mensch gegenüber. Seine offene, freundliche und herzliche Art strahlt viel positive Energie aus. Mit jeder Minute, die wir miteinander reden, merke ich, wie diese auch mich ergreift. Es ist ein tolles Gefühl, dass er mich an seinen Ansichten und Erfahrungen teilhaben lässt, und ich finde es bemerkenswert, wie er seinen Lebensmittelpunkt in seiner Familie gefunden hat. Wie er für sich Wichtig und Unwichtig definiert. Und wie gewisse Umstände, z. B. Kinder, anscheinend ein Lebensbild komplett verändern können.

Der erste Teil meiner Bahnfahrt endet – und somit leider auch unser Gespräch. Ich bedanke mich herzlich bei ihm, wünsche ihm eine angenehme Weiterreise und stelle mir auf der Suche nach einem neuen Sitzplatz tatsächlich eine zentrale Frage: Brauchen wir einen Lebensmittelpunkt, um glücklich und zufrieden zu sein?

You may also like...