„Nicht mein Problem!“

Eine Reise mit der Bahn kann mich noch lange nach dem Ausstieg beschäftigen. Zum Beispiel wenn ich auf eine außergewöhnliche Begegnung mit einer älteren Dame zurückblicke, die leider nicht von Herzlichkeit geprägt war.

Alles fing mit einem stark ausgelasteten Zug an. Volle Gepäckablagen, sich im Gang stapelnde Koffer und lautes Gewusel. Sicherlich hat das jeder, der häufiger die Schiene gegen die Straße tauscht, schon einmal erlebt. In der Regel bringen die Fahrgäste aber auch in solchen Situationen Verständnis füreinander auf. So hatte ich es zumindest bis dato erlebt.

Neben einem tonnenschweren Koffer zählte ich an diesem Tag einen mindestens genauso vollgepackten Rucksack, einen Beutel und einen Mantel zu meinem Reisegepäck. Viel zu viel für die sowieso schon überfüllten Gepäckfächer in der Waggon-Mitte. Zudem machte es mir das Gewicht meines Koffers einfach unmöglich, ihn über mir in der Ablage zu verstauen. Folglich blieb mir keine andere Wahl als – zu meinem großen Bedauern – zusätzlich den Sitzplatz neben mir zu belagern.

Unerwartetes Aufeinandertreffen

Beim nächsten Halt stand plötzlich eine ältere Dame neben mir, die mich mit ihrer Art und Weise an diesem Vormittag fast sprachlos machte. Ohne ein freundliches „Guten Morgen!“ oder eine höfliche Geste, machte sie sehr schnell und eindringlich klar, den Platz neben mir beanspruchen zu wollen.

Als ich ihr freundlich mitteilte, dass sie dies sehr gerne machen könne, aber ich bedauerlicherweise nicht wüsste, wo ich meinen Koffer alternativ aufbewahren solle, wurde das Gespräch sofort sehr ungemütlich. Wobei, ich würde es vielleicht gar nicht als Gespräch, sondern eher als vehemente Aufforderung bezeichnen. Die Aufforderung, ihr augenblicklich Platz zu machen.

Meine Situation schien ihr absolut gleichgültig zu sein, denn in schroffem Ton zischte sie mir ein „Das ist nicht mein Problem!“ zu. Hui, da wehte mir ein sehr eisiger Wind entgegen. Auch auf mein entschuldigendes und um Nachsicht bittendes „Ich bekomme den Koffer aufgrund des Gewichts nicht nach oben gewuchtet, die Gepäckfächer weiter vorne sind voll und ich kann den Koffer leider nicht in Luft auflösen“, flog erneut ein lautes und aggressives „Das ist nicht mein Problem!“ in meine Richtung.

Wird Egoismus zur vorherrschenden Lebensform?

Warum kann man nicht normal miteinander sprechen? Aufeinander eingehen? Wie wäre es, gemeinsam eine Lösung für das bestehende Problem zu finden? Es gibt Begegnungen, die dafür nicht geschaffen sind. Mit ausgefahrenen Ellenbogen wird das Recht eingefordert, das Ziel durch einen bestimmten und unfreundlichen Umgangston erreicht. Der Gegenüber hat zu parieren. Ohne Wenn und Aber.

Man fühlt sich wie unter Beschuss, sitzt mitten in einem Gefecht. Gemäß des Ausrufs „Du oder ich!“ scheinen manche Menschen gnadenlos auf Angriff gebürstet zu sein. Warum? Muss wirklich jeder beweisen, dass er der Stärkere ist? Keine Ahnung. Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Ich habe nur die Hoffnung. Die Hoffnung, dass in meinem Fall die Dame einfach einen schlechten Tag hatte und mit dem bekanntlich falschen Fuß aufgestanden ist.

Wie ist die Geschichte ausgegangen? Ein vorbeilaufender, junger Mann hat die laute Verstimmung der Dame mitbekommen und mir angeboten, im Gepäckfach auf der anderen Seite Platz zu machen und den schweren Koffer dort zu verstauen. Eine Haltestelle später ist die Dame ausgestiegen. Mein aufrichtiges, ihr hinterherrufendes „Auf Wiedersehen!“ blieb genau wie meine Fragen unbeantwortet.

Es ist einfach traurig, dass manche Begegnungen einem deswegen im Kopf bleiben, weil sie Unverständnis und Wut in uns wecken. Schade!

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